Persönliches Budget in Werkstätten

Matthias Böhler: Persönliches Budget in Werkstätten für behinderte Menschen

Seit 01.02.2008 können gemäß Sozialgesetzbuch IX behinderte Menschen notwendige Teilhabeleistungen als „persönliches Budget“ beanspruchen. Dies schließt auch die Regelleitungen in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) ein. Es handelt sich dabei um einen Rechtsanspruch nicht wie bisher um eine „Kann- Leistung“ Der Autor geht von der Grundannahme aus, dass die Werkstätten für behinderte Menschen die neue Form der Leistungserbringung nicht ausreichend nutzen, bzw aktiv anbieten, weil Ängste vor Veränderungen und starre institutionsorientierte Strukturen dominieren. Durch Change Management (die konsequente Ausrichtung von Unternehmensführung auf notwendige Veränderungsprozesse) können die Chancen der neuen Form der Leistungerbringung für die Organisation genutzt werden, im Sinne eines Paradigmenwechsels weg von der Sachleistung hin zum Persönlichen Budget (…)

Aufbau und Inhalte

Der Aufbau des Buches folgt den Erfordernissen einer wissenschaftlicher Abschlussarbeit. Die IST Situation der Diskussion um das persönliche Budget (PB) in Werkstätten wird mit Hilfe einer emiprischen Fragebogenerhebung in Kapitel 3 dokumentiert.

  1. Einleitung: Hinführung zum Thema
  2. Persönliches Budget: Allgemein und speziell in Werkstätten. Hier werden Begrifflichkeiten und die rechtlichen Grundlagen erläutert und die Auswirkungen des PB in Bereichen Organisation, Verwaltung und Finanzierung angesprochen
  3. Fragebogen: Der Fragebogen mit dem 102 von 687 Werkstätten in Deutschland befragt wurden (Rücklaufquote von 56%) wird vorgestellt und ausgewertet. Im Fragebogen sind Fragen enthalten zur Größe der WfbM, der aktuellen Nutzung des PB (nur 5%der Werkstätten ) und zur Relevanz für die Zukunft (10% der Klientel), Fragen zu Kommunikation und Information zum PB in den Werkstätten, zu organisatorischen Veränderungsanforderungen und Fragen der Konkurrenz- und Kooperationssituation. Jedes Ergebnis wird mit einem Kurzzwischenkommentar bewertet.
  4. Change Management: Begriffsbestimmungen (es gibt keine allgemeingültige Definition) und Wesenszüge von Veränderungsprozessen und die besondere Bedeutung der Kommunikation
  5. Bedeutung und Notwendigkeit von Change Management in Werkstätten für behinderte Menschen. Hier wird auf die notwendigen organisatorischen und kommunikativen Veränderungen eingegangen und ein Blick ins Ausland getätigt (allerdings nicht für den Bereich der Arbeit, sondern allgemein!)
  6. Ausblick: in wenigen Jahren wird das PB zum selbstverständliche Bestandteil in Deutschland in der sozialen Landschaft gehören, deshalb macht es Sinn, sich aktiv nicht reaktiv damit auseinanderzusetzen
  7. Literaturverzeichnis

Diskussion

Die Ergebnisse des Fragebogens sind aufgrund Ihrer Aktualität sicher für die „Werkstattszene“ bundesweit von Interesse. Die Auswirkungen sind aber sicher regional sehr unterschiedlich zu bewerten, da die Werkstätten auf einem regionalen Markt agieren. Die Ergebnisse bieten aber für Praktiker die Möglichkeit, die eigene regionale Situation in einem bundesweiten Vergleich zu reflektieren.

Für eine wissenschaftliche Arbeit ärgerlich ist dass von „Kostenträgern“ statt von „Leistungsträgern“ gesprochen wird. Das PB ist auch nur eine andere Form der Leistungserbringung und keine neue Regelleistung.

Auch wenn Werkstattleistungen ganz sicher durch die Anbieter stärker modularisiert und flexibilisiert werden könnten und Anbieter, also Leistungserbringer , das auch in Zukunft vorantreiben müssen, geht der Autor auf das Grundparadoxon für die Nutzer des persönlichen Budgets im Bereich Arbeit leider überhaupt nicht ein: Warum soll jemand für Arbeit zuerst selbst bezahlen, um dann dafür Lohn zu erhalten. Für wen macht es Sinn, sich Arbeit als Teilhabeleistung bei einem Leistungserbringer als Kunde einzukaufen, um dann von einem anderen Leitungsträger oder vom Leistungserbringer selbst wieder Geld als Lohn oder Lohnersatzleistung für die erbrachte Leistung zu bekommen? Die Anbieter von Werkstattleistungen werden dann ihre Angebote flexibilisieren, wenn die Nachfrage der Nutzer dies fordert. Die Nutzer werden dies erst einfordern, wenn es für sie subjektiv Sinn macht im Sinne einer vollwertigen Teilhabe am Arbeitsleben. Werkstätten agieren auf einem (beschützten) Arbeitsmarkt, der aber letztlich auch den Regeln von Angebot und Nachfrage folgt. Beim vielbeschworenen Paradigmenwechsel steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Marktmechanismus wird aber nicht dadurch nicht ausgeschaltet.

Change Management muss für ein Unternehmen, das auf so vielen Märkten agiert wie eine WfbM eine zentrale Rolle haben , nicht nur im Hinblick auf das „Persönliche Budget“. Oder anders herum: eine Werkstatt wird sich sicher nicht nur wegen des Themas PB mit der Thematik „Change Management“ beschäftigen müssen. Sie wird aber, wenn sie sich damit beschäftigt auch beim Thema PB profitieren. Aus diesem Grund macht die vorliegende Arbeit sicher Sinn.

Fazit

Die Arbeit beschreibt ein aktuelles Thema im Bereich der Werkstätten für behinderte Menschen.

Die Hypothese, dass das Persönliche Budget im Bereich der Werkstatt aufgrund mangelnder unternehmerischer Flexibilität nicht stärker forciert, bzw. nachgefragt ist, ist aber sicher nur ein Teilaspekt des Themas. Dieser Teilaspekt wird ausführlich betrachtet, bleibt aber nur eine Facette der Diskussion.

Von September 2008 bis Frühjahr 2010 gibt es ein Projekt „Werkstatt Budget“ der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft) WfbM im Auftrag des Bundesministeriums. In diesem Projekt soll die Komplexleistungen der Werkstatt in sieben Einzelleistungen gegliedert und weiter modularisiert werden. Sofern der Autor dieses Projekt noch nicht kannte, ist dieses Projekt die konsequente Fortführung seiner Arbeit und kann zeigen „ dass ein Potenzial an Innovationskraft und unternehmerischer Kompetenz in den WfbM vorhanden ist“.


Rezensentin
Angelika Tinter
Leitung Rehazentrum und Werkstätten im Rehazentrum Waiblingen und Schorndorf
E-Mail Mailformular
Zitiervorschlag
Angelika Tinter. Rezension vom 27.06.2009 zu: Matthias Böhler: Persönliches Budget in Werkstätten für behinderte Menschen. Diplomica Verlag (Hamburg) 2009. 62 Seiten. ISBN 978-3-8366-6779-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7710.php, Datum des Zugriffs 27.09.2013.

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