Psychiatrisierung als Entsorgungsstation für „Humankapital“??

Menschen mit psychischen Störungen im SGB II oder

Studie: Jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist psychisch krank

… wir reiben uns die Augen – ja, ist es denn wieder so weit? Es ist. Das IAB —> http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_für_Arbeitsmarkt-_und_Berufsforschung <— hat einen neuen Bericht erstellt und prompt hat sich die Presselandschaft darauf gestürzt… mit allen möglichen, meist negativen Folgen, die wohl offenkundig erwünscht seien…

Zitat: „“Der Forschungsbericht beruht auf einer explorativen Studie, die die Universität Halle und die Aktion Psychisch Kranke e.V. in Bonn für das IAB durchgeführt haben. Literaturstudien und die Sekundärauswertung von Krankenkassendaten zeigen ein hohes Vorkommen von psychiatrischen Diagnosen bei Alg-II-Beziehern. “ Zitat Ende

Quelle und vollständiger Artikel: http://www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k131029j04

Einige Betroffene werden es ggf. vorteilhaft finden, dass sie jetzt anders wahrgenommen werden… aber – werden sie das? Und nach welcher Datenbasis wird „gearbeitet“? Schauen wir doch dazu in den Bericht selbst:

http://doku.iab.de/forschungsbericht/2013/fb1213.pdf (ab Seite 22) Insbesondere ab Seite 23 wird es bunt – da wird als Datenbasis das Vorhandensein spezieller Schwerbehinderungen und die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises zugrundegelegt und dann wird geschaut, wie viele aus dieser Gruppe erwerbslos sind… freilich nicht ohne Spekulation:

Zitat: „Dies führt vermutlich zu einer Unterschätzung des realen
Ausmaßes von Behinderung aufgrund psychischer Erkrankungen Hinzu kommt bei Arbeitslosen, dass sie stets höhere Anteile für auffällige gesundheitliche Beschwerden aufweisen als beschäftigte Personen (BKK 2005: 22).

Im Rahmen von Befragungen von Mitarbeitern verschiedener SGB-II-Träger konnte – unabhängig von der Art der Beeinträchtigung – aufgezeigt werden, dass davon auszugehen ist, dass mindestens ein Drittel aller arbeitsfähigen Arbeitsuchenden an (mindestens) einer gesundheitlichen Einschränkung bzw. manifesten Erkrankung
leiden (Schubert 2010; Schubert et al 2007). Zugleich weist die Statistik arbeitsamtsärztlicher Begutachtung des Jahres 2001 auf Grundlage von mehr als 390.000 Gutachten bei von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen als Erstdiagnose einen
Anteil von 25 Prozent mit „Psychischen und Verhaltensstörungen“ aus (Hollederer 2002). Die Bundesagentur für Arbeit berichtet für 2003, dass fast jeder vierte Arbeitslose vermittlungsrelevante gesundheitliche Einschränkungen aufwies. Von den Betroffenen hatten wiederum 28 Prozent eine amtlich anerkannte Behinderung (Grad der Behinderung ≥30) (Allmendinger/Rauch 2005; Hollederer 2006). Dieser
Anteil ist heute durch den seit Einführung des SGB II im Jahre 2005 durchgängigen Einbezug des ehemaligen Sozialhilfe-Klientels in die SGB-II-Träger als deutlich höher einzuschätzen. “ Zitat Ende

Quelle und vollständiger Artikel: http://doku.iab.de/forschungsbericht/2013/fb1213.pdf

Und… was bleibt nun beim nicht-erwerbslosen, vermeintlich (! Hochrechnungen sind – wenn denn – auch hier statthaft) psychisch gesunden Menschen „hängen“: „eins – zwei – drei – vier = du bist psychisch krank“ Dem angeblichen Anspruch, erhöhtes Verständnis beim Leser für psychische Erkrankungen erzeugen und Stigmatisierung vermeiden zu wollen, wird die Studie jedenfalls nicht gerecht – wie sollte sie auch, wenn sie u.a. offen erklärt, dass entsprechende medizinische Begutachtungen bei der BA häufig nach Aktenlage erfolgen?

Und die Medien?

Bislang konnte ich lediglich den Artikel im Spiegel —> http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/studie-jeder-dritte-hartz-iv-empfaenger-ist-psychisch-krank-a-931033.html dazu lesen… hier wurde auch prompt und erwartbar jeder dritte Erwerbslose kurzerhand als psychisch krank getitelt.

Zu Ursachen dieser psychischen Beeinträchtigungen wird spekuliert… ja… es könnte sein, dass ehedem der Beruf die Ursache gesetzt hat, das Belastungen in den Berufstätigkeiten bislang verantwortlich seien… aber darüber möchte man möglichst nicht sprechen, auch nicht schreiben… und je weniger der Leser ahnt, was Ursache und was Wirkung ist, desto besser… daher konzentriert man sich bevorzugt darauf, (ehedem) psychisch Kranke, ganz schnell wieder in die Zustände zu vermitteln, die sie krank gemacht haben… in Ermangelung auskömmlicher Erwerbsarbeit bevorzugt in prekäre, schlecht entlohnte Jobs, in denen Mitarbeiterrechte ganz klein geschrieben werden.

Schließlich und endlich – so das schnelle Fazit – seien die Menschen nur deshalb nicht gesund, weil ihnen ihre Arbeit fehlte. Der erhobene Zeigefinger für berufstätige Gesunde fehlt ebenfalls nicht… Arbeit ist die beste Therapie… und nach kapitalistischen Grundsätzen auch die einzige, die diese Gesellschaft/Solidargemeinschaft gefälligst finanzieren sollte.

… das nur dazu, warum ich dem Artikel und der „Studie“ so wenig abgewinnen mag.

Ach ja… viel Spaß beim Lesen der Leserkommentare im Spiegel und „anderswo“.

Übernommen von „Lebensphase“ -Danke dafür
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