Im Gefängnis zu lesen- für Frau Bonk -und andere

http://imjb2.tumblr.com/

(…)

Es gibt dich, und doch wir können dich nicht erreichen. Wir glauben zu wissen, dass du jegliche Behandlung ablehnst. Wir wissen nicht, was dir geschieht. Nina Hagen möchte dir eine Patientenverfügung zu kommen lassen, und ich glaube, sie wird schon wissen, warum.

Vielleicht, und das wäre das Schönste, befindest du dich jetzt schon wieder draussen in der Freiheit, der relativen.

Doch das glaubt momentan keiner aus der Gruppe. Keiner weiss wirklich, ob du ein Handy hast, und wenn Ja, ob es ein Smartphone ist. Ob es eine Flatrate hat und ob du es aufladen kannst. Sollte es so sein, dass du einen Zugang ins Internet hast, dann brauchst du Geschichten, die dich aufbauen.

Noch erscheint es mir fast illusorisch, dass du ein Lebenszeichen geben darfst oder kannst. Doch wenn du es kannst, da bin ich mir sicher, wirst du es tun. Weil du eine mutige Rebellin bist. Wenn du die Kraft hast. Wenn es dir nicht gut geht, bräuchtest du sanfte Töne, vielleicht, nichts Aufregendes. Oder genau das Gegenteil. Rebellische Geschichten. Ästhetischer Widerstand.

Alle Menschen draussen brauchen dich, deine Ideen und dein Engagement. Weil du einige der Wenigen bist, die den Durchblick hat. Politisch. Ich glaube, dass es vielleicht wichtig ist, dass wir uns in die Welt hineinfühlen, in der du jetzt sein könntest. Dass wir uns alle besinnen, warum du so mutig geworden bist und gar nicht anders konntest, als das zu sagen, was du gesagt hast.(…)

http://satjam.wordpress.com/2013/07/01/ausbrechen/

Jeder Ausbruch, der erfolgreich sein soll, fängt mit einer Absicht an. In meinem Fall war es eine Idee, und ich fädelte es ein, dass ich ein Radio und ein Tonbandgerät bekam. Im Gefängnis kommt es wie im Leben darauf an, dass du dir etwas wünscht, die Vision ausreifen lässt und dich auf Weihnachten freust, auch wenn du schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubst.

Ein altes Radio war vorhanden, ich brauchte nur den uneingeschränkten Zugang zu Zeiten, die der Gefängnisleitung nicht passen würde. Das Tonbandgerät wurde den allgemeinen Bedingungen angepasst. Mono, vier Spuren, um viele Informationen unterzubringen. Ein Mikrophon, um etwas für die Bildung zu tun.

Denn ich wollte Englisch lernen. Und zwar nach meiner eigenen Lehr- und Lernmethode. Ein Teil des Knastprogramms war zuvor ausgelagert worden, und dieser Teil des Gefängnislebens hatte andere Regeln als das primäre Gefängnis, sorgte für permanente Qualen, es sei denn, man war in der Lage, ein Freigängerprogramm zu organisieren und zu optimieren.

Sowohl in Knast A als auch in Knast B hatte ich relativ schnell begriffen, worin die Schwächen der Aufseher lagen, und das machte ich mir zunutze, am Anfang etwas zaghaft, dann zunehmend mutiger.

In beiden Sektionen des Gefängnis gab es spezielle Programme der individuellen und insbesondere der sexuellen Unterdrückung; und irgendwie schien die familiäre Marschrichtung mit der schulischen Gehirnwäsche synchronisiert worden zu sein. Die Aufseher konnten in beiden Welten ihre eigene Sexualität nicht wirklich unterdrücken, manchmal wollten sie es nicht – in solchen Fällen, wenn die Insassen etwas älter und als Objekt der Begierde betrachtet wurden, unabhängig vom Geschlecht.

Auch ich schien synchronisiert zu werden, doch nicht im Sinne des Gefängnisprogramms. Je größer die Brüste der Insassinnen wurden, desto stärker wurden meine Anstrengungen, den Gefängnisaufenthalt neu zu gestalten, um dann das machen zu können, was ich wollte. Doch nicht nur in meinem kleinen Dorf tat sich etwas, auch in den anderen Dörfern, in den umliegenden Städten, und, wenn wir es genau nehmen, auf der ganzen Welt.

Der Support kam von Aussen. Clever verpackte Informationen. Deswegen brauchte ich das Radio. Deswegen brauchte ich das Tonbandgerät. Es galt, die eigenen Impulse mit dem Support in Einklang zu bringen. Aus einem Impuls musste eine Sehnsucht werden, aus der Sehnsucht ein Verlangen.

Das Ziel war wirklich einfach zu formulieren. Love. Peace. Unity. Drei Ideen. Drei wundervolle Ziele. Ein Weg. Be Free. Nur eine Handvoll von Idioten konnte etwas dagegen haben – die Gefängnisbosse und ihre Aufseher. Alle anderen wollten nie wieder im Gefängnis sein. Bis auf diejenigen, die nichts kapierten. Das Gefängnis war ein gut getarntes Ausbildungslager für Hass, Krieg und Schizophrenie.

Am Anfang der Planung brauchte ich nur offen zu sein für die neuen Klänge. Die Informationen waren unterschiedlich verpackt, ein Teil war Stimme, ein Teil war Gitarre, ein Teil Bass, und ein wichtiger Teil war Schlagzeug. Die eigentlichen Informationen lagen darunter, mal versteckt, irgendwo zwischen den Zeilen, manchmal direkt, und manchmal war es ein guter Mix aller Komponenten. Der Support musste laut sein, um die dumme Blas- und Militärmusik zu übertönen.

I Want To Know. Ich wollte wissen.

Du musst es wissen wollen. Wie und was passiert. Und warum. Wenn du etwas wirklich wissen willst, dann drängt es dich nur noch nach vorne. Ich wollte wissen, was zwischen den Beinen sein mochte; wie die Brüste aussahen, das war schon etwas einfacher, aber wie mochten sie sich anfühlen? Wie kam das Männliche in das Weibliche? Wie liess sich die Annäherung zwischen zwei Polen einleiten? Was musste ich tun, um das Glück zwischen den Beinen fühlen zu können? Es gab viele Fragen, die ich mit zwölf hatte. Mit jeder Woche, mit jedem Monat entstanden neue Fragen.

I Can‘t Keep From Crying, Sometimes. Ich konnte aufschreien, meistens. An sich.

Doch ich habe jeden Ton in mir verschluckt. Die Gefängnisobrigkeit zeigte sich verschwiegen. Oder sie knechtete uns mit Foltermethoden, die keine sichtbaren Spuren hinterliessen.

Ich war ein einziger Aufschrei. 1967 war das Maß voll, und es gelang ein spontaner Ausbruch. Doch das Bedürfnis, frei sein zu wollen, reichte nicht aus. Es fehlte das Know-how, es fehlten die anderen Insassen. Allerdings hatte mein Vater bei der Rückkehr zu früh gejubelt. Mein Bewusstsein hatte sich in wenigen Stunden der Freiheit vollkommen gewandelt. Ich wollte die absolute Freiheit und tat alles, um den nächsten Ausbruch erfolgreich anzugehen.

Informationen. Freunde. Verbündete. Individuelle Freuden. Das war der Weg, der vor mir lag. Während in Woodstock 1969 wohl eine halbe Million Menschen zusammenkamen, um unsere Ziele offiziell zu proklamieren und eine große Party feierten, war ich in der Rhön auf einer falschen Veranstaltung gelandet. Freiwillig, weil ich mich nicht richtig informiert hatte. Und wiederum auch nicht, weil die Fuzzies ihr Freizeitgefängnis mit netten Lügen garniert hatten.

Das Örtchen Wildflecken hatte mich gelockt, ich freute mich auf die Schlüssellöcher, auf das Dazwischen, auf die Hügel und Täler. Ironischerweise war das Wildflecken des CVJM alles andere als wild, und auch die Flecken der Girlies blieben bedeckt. Drei Wochen wurden zum Bauchklatscher, und zur Strafe, dass wir geboren waren, mussten wir morgens, mittags und abends beten. Die Aufseher vergifteten, so die Gerüchteküche, das Essen mit Hängolin, denn unser natürliches Sein wurde für sie Tag für Tag gefährlicher.

Es dauerte nicht lange, dass eine andere Insassin mich auf eine Spur brachte, die mir als gangbar erschien. Die Zeit war reif, ich durfte ihre Brüste berühren, auch wenn mehrere Schichten das eigentliche Fühlen fast unmöglich machten. Ostern 1970 hatte ich zwei Wochen uneingeschränkten Freigang. Mein Befreiungsprogramm konnte beginnen. …

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